Zahl der Operationen in Deutschland – im Krankenhaus und in der Praxis
2006 +++ Jost Brökelmann, Jacky Reydelet +++ Quelle: ambulant operieren 3/2006, 127-130
Angeregt durch eine internationale Studie zur Häufigkeit der ambulant durchgeführten Operationen im Allgemeinen und bei häufig durchgeführten Operationen wurden für Deutschland Zahlen zur Operationshäufigkeit in 2003 zusammengestellt (Brökelmann und Reydelet 2005). Diese Studie soll jetzt für das Jahr 2004 fortgesetzt werden, weil dieses das letzte Jahr ist, in dem die ambulant durchgeführten Operationen über die Zahl der OP-Zuschläge noch zusammengestellt werden kann. Mit Einführung des EBM 2000plus zum 1.4.2005 entfallen diese Zuschläge und es ist noch nicht bekannt, wie die Häufigkeit der ambulanten Operationen in Zukunft gemessen werden kann.
Materialquellen
Die stationären Operationen wurden aus den im Internet veröffentlichten Daten des Statistischen Bundesamtes entnommen (www.destatis.de). Die Gesamtzahl der ambulanten Operationen im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) wurde von Dr. Brenner, Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (ZI), Berlin, übermittelt. Die Zahl der ambulanten Operationen von Privatversicherten wurde über denjenigen Anteil, den die Private Krankenversicherung (PKV) an den Gesamt-Operationen von GKV plus PKV hatte, hochgerechnet. Für Schönheits-Operationen gab es Daten von der Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie Deutschlands (GÄCD) für 2003. Diese Zahlen wurden ohne Steigerung für das Jahr 2004 übernommen.
Die Berechnungen zum Anteil der PKV an den ambulanten Operationen basierten auf publizierten Daten des Verbands der Angestellten Krankenkassen e.V., VdAK.
Ergebnisse
Die Ergebnisse wurden in Tabelle 1 zusammengetragen. Auffallend ist ein Rückgang der stationären Operationen sowie ein Rückgang der ambulanten Operationen im GKV-Bereich. Die Zahl der ambulanten Operationen bei Privatversicherten hat leicht zugenommen (Tab. 2). Der Anteil der PKV erhöhte sich von 10,3 % auf 10,6 %. Dabei wurde nicht berücksichtigt, dass 2,1 % der Bevölkerung in den alten Bundesländern einen sonstigen Versicherungsschutz haben und 0,2 % nicht versichert sind (VdAK 2005).
Die Zahlen der ambulanten Operationen im GKV-Bereich (Tab. 3) beinhalten Operationen, die sowohl von Vertragsärzten als auch im Krankenhaus nach § 115 b SGB V erbracht wurden. Tabelle 4 differenziert diese Operationen, die von den Vertragsärzten und von Krankenhausärzten nach § 115 b SGB V geleistet wurden. Dabei wird ein Rückgang der Operationen bei den Vertragsärzten deutlich, bei gleichzeitiger Zunahme der Operationen nach § 115 b im Krankenhaus. Der Rückgang der Zahl der ambulanten Operationen ist also wesentlich ausgeprägter bei den Vertragsärzten, als es die Gesamtzahl der ambulanten Operationen (GKV, Tab. 3) vermuten lässt. Die Krankenhäuser haben ihren Anteil an den ambulanten Operationen von 3 % im Jahre 1997 und 1998 auf 14 % im Jahre 2004 gesteigert.
Für die Internationale Studie der International Association for Ambulatory Surgery (IAAS) wurden 37 Operationsarten (Prozeduren) ausgewählt und ihre Häufigkeit bei allen Kassenärztlichen Vereinigungen abgefragt. Zusätzlich zu den 12 KVen, die für die letzte Studie Daten schickten (IAAS 2005) hat die KV Nordrhein auch Daten geliefert, so dass jetzt die Häufigkeit der ambulanten Operationen für 64 Mio. Deutsche zusammengestellt werden konnte (Tab. 5). Es fällt auf, dass einige Operationen an Häufigkeit zugenommen haben, andere wurden seltener durchgeführt.
Die Internationale Studie (IAAS 2005) resultierte in einem Vergleich der Quoten des Ambulanten Operierens, wobei die Quoten a) auf die Gesamtzahl der durchgeführten Operationen im jeweiligen Land als auch b) auf ein definiertes Vergleichskollektiv von 37 Operationen bezogen wurden (Tab. 6, Toftgaard und Parmentier 2006). Die Quoten des Ambulanten Operierens, bezogen auf das Vergleichskollektiv (Korb, Basket), wurden in Tab. 7 ihrer Höhe nach geordnet. Deutschland steht hier mit 60,7 % an zwölfter Stelle hinter Kanada und den USA mit ca. 84 %.
Diskussion
Die Zahl der Operationen in Deutschland nimmt ab. Dieses gilt sowohl für den Krankenhausbereich als auch für den Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung. Die relative Zunahme bei den Privatversicherten basiert wahrscheinlich auf einem Rückgang der Zahl der GKV-Versicherten und ist ein rechnerischer Effekt, der vernachlässigt werden kann.
Der Rückgang der ambulanten Operationen im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung dürfte mehrere Gründe haben: Einmal ist es die schlechte Vergütung der ambulanten Operationen und Narkosen, zum anderen mögen die immer stringenter werdenden Bedingungen für das Ambulante Operieren dazu führen, dass Vertragsärzte das Ambulante Operieren aufgeben. Rein theoretisch mögen auch strengere Überwachungen durch die KVen zu einer Verringerung der abgerechneten Operationen beigesteuert haben.
Die Zunahme der Operationen im Krankenhaus dürfte auf den zunehmenden politischen Druck, Operationen nicht mehr stationär sondern ambulant durchzuführen, zurückzuführen sein. Da das Ambulante Operieren weltweit zunimmt (Toftgaart und Parmentier 2006), werden Krankenhäuser auch aus lokalpolitischen Gründen versuchen, Patienten und damit Leistungen an das Krankenhaus zu binden, auch wenn die Vergütung für ambulant durchgeführte Operationen wesentlich schlechter ist als diejenige für stationär durchgeführte Prozeduren. Die Quote der ambulanten Operationen in Deutschland liegt mit 40 % immer noch weitaus niedriger als die der Spitzenländer wie Kanada, die auf 87 % kommen. Deutschland ist, was das Ambulante Operieren betrifft, nach wie vor ein Entwicklungsland.
Die Zunahme der ambulanten Operationen im Krankenhaus ist eine positive Entwicklung; denn sie bedeutet, dass die Trennung zwischen stationärem und ambulantem Bereich, die in Deutschland sehr ausgeprägt ist, langsam aufweicht. Das Ambulante Operieren hat so viele Vorteile – für die Patienten, aber auch für die Gesundheitskosten –, dass eine Umstellung der chirurgischen Behandlung von einer stationären auf die ambulante im Sinne der Patientenversorgung und der Kostenreduktion ein Gebot der Zeit ist.
Die Daten über die Häufigkeit der Operationen sind für alle diejenigen wichtig, die diese Operationen durchführen wollen und zum Beispiel ein(e) Praxis/Praxisklinik/MVZ gründen wollen. Mit diesen Zahlen ist es möglich, den Bedarf für eine bestimmte Region abzuschätzen, so dass unter Umständen Fehlinvestitionen vermieden werden können.
Zusammenfassung
In Deutschland nahmen sowohl die stationären als auch die ambulanten Operationen im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung im Zeitrahmen 2003 bis 2004 ab. Gleichzeitig nahmen die ambulanten Operationen im Krankenhaus zu. Die Quote der ambulanten Operationen an der Gesamtoperationszahl beträgt jetzt in Deutschland 40 %. Im internationalen Vergleich ist die Quote des Ambulanten Operierens in Deutschland nach wie vor niedrig und liegt weit hinter den Quoten anderer Industrienationen. Bei einem internationalen Vergleich von 37 Standardoperationen liegt Deutschland in der Quote des Ambulanten Operierens an zwölfter Stelle.
Literatur:
Brökelmann J., Reydelet J. Zahl der Operationen in Deutschland 2003 – eine Annäherung. ambulant operieren 2/2005, 95-102
VdAK 2005. Ausgewählte Basisdaten. Verband der Angestellten Krankenkassen e.V.
Toftgard C, Parmentier G:
International Terminology in Ambulatory Surgery and its Worldwide Practice. In:
Day Surgery – Development and Practice. International Association for
Ambulatory Surgery 2006
Tab. 1: Zahl der ambulant und stationär durchgeführten Operationen in Deutschland
|
|
Op-Zahlen 2003 |
OP-Zahlen 2004 |
|
Stationäre Operationen im Krankenhaus[1] (GKV+PKV) |
7.795.475 |
6.704.938 |
|
|
|
|
|
Ambulante Operationen (GKV)[2] |
3.831.000 |
3.810.000 |
|
|
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|
Ambulante Operationen (Privatversicherte) |
|
|
|
- "normale" ambulante Operationen (hochgerechnet) |
360.114[3] |
392.430[4] |
|
- Schönheitsoperationen |
270.000[5] |
270.000 |
|
Summe |
630.114 |
662.430 |
|
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Aus obigen Daten resultieren folgende Zahlen: |
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Stationär durchgeführte Operationen |
7.795.475 |
6.704.938 |
|
Ambulant durchgeführte Operationen |
4.461.114 |
4.472.430 |
|
Gesamtzahl der
Operationen in Deutschland |
12.256.589 |
11.177.368 |
|
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|
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Anteil der ambulant durchgeführten Operationen: |
36 % |
40 % |
Jahr 2003 2004
GKV-Versicherte insgesamt 70.455 69.991
Privatversicherte 8.110 8.259
Summe GKV + PKV 78.565 78.250
Anteil PKV 10,3
% 10,6 %
____________________________________________________________________
Bemerkungen: GKV = Gesetzliche Krankenversicherung, PKV = Privatversicherung. Neben GKV und PKV haben 2,1 % der Bevölkerung (alte Bundesländer) einen sonstigen Versicherungsschutz und 0,2 % sind nicht versichert.
Quelle: Ausgewählte Basisdaten des Gesundheitswesens. Verband der Angestellten-Krankenkassen e.V. (VdaK). 2005
Tab. 3: Zahl der
ambulanten Operationen (GKV)
Häufigkeit der Zuschläge 80 bis 87 im alten EBM
2000 3,95
Mio.
2001 3,92
Mio.
2002 3,83
Mio.
2003 3,81 Mio.
2004 3,77 Mio.
Quelle: Dr. Brenner, Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (ZI)
Leistungsfälle des ambulanten Operierens (in %
Anteile)
|
Jahr |
Vertragsärzte |
Krankenhäuser |
|
1997 |
97,0 |
3,0 |
|
1998 |
97,3 |
2,7 |
|
1999 |
96,0 |
4,0 |
|
2000 |
95,4 |
4,6 |
|
2001 |
94,1 |
5,9 |
|
2002 |
93,1 |
6,9 |
|
2003 |
91,6 |
8,4 |
|
2004 |
86,2 |
13,8 |
Quelle: Bundesministerium für Gesundheit
Tab. 5: Zahl der ambulanten Operationen (GKV-Bereich)
pro 100.000 Einwohner
(Absolute Häufigkeit)
|
Name der Prozeduren |
Mittelwert von 12 KVen* |
Mittelwert von 13 KVen* |
|
Bevölkerungszahl (in Tsd.) |
54.619 |
64.236 |
|
Katarakt |
480 |
530 |
|
Schiel-OP |
7 |
8 |
|
Myringotomie mit Katheterinsertion |
116 |
102 |
|
Tonsillektomie |
15 |
4 |
|
Nasenplastik |
21 |
21 |
|
Broncho-Mediastinoskopie |
64 |
58 |
|
Chirurgische Zahnextraktion |
454 |
414 |
|
Endoskopische Sterilisation der Frau |
47 |
1 |
|
Legaler Abort (med. Indikation) |
1 |
1 |
|
Dilatation und Kürettage des Uterus |
201 |
254 |
|
Hysterektomie (LAVH) |
3 |
0,3 |
|
Operation von Zyste- und Rektozele, Vag.-Plastik |
9 |
34 |
|
Kniearthroskopie |
10 |
11 |
|
Arthroskopische Menuskusoperation |
205 |
262 |
|
Entfernung von Knochenimplantaten |
104 |
145 |
|
Operative Korrektur von Fußdeformitäten |
25 |
34 |
|
Karpaltunnelsyndrom |
147 |
223 |
|
Bakerzyste |
3 |
2 |
|
Dupuytrens Kontraktur |
35 |
44 |
|
Kreuzbandplastik |
36 |
42 |
|
OP des Wirbelkörpers |
9 |
5 |
|
Entfernung eines Brustknotens |
51 |
63 |
|
Mastektomie |
6 |
8 |
|
Laparoskopische Cholezystektomie |
2 |
0,2 |
|
Laparoskopische Antirefluxoperation |
1 |
0,2 |
|
Haemorrhoidektomie |
34 |
32 |
|
Leistenbruch |
32 |
51 |
|
Zirkumzision |
82 |
109 |
|
Orchidektomie u. –pexie |
12 |
9 |
|
Sterilisation des Mannes |
52 |
0,3 |
|
TUR-Prozedur |
10 |
5 |
|
Koloskopie mit/ohne Biopsie |
1157 |
1105 |
|
Entfernung Kolonpolypen |
200 |
196 |
|
Varizen-OP |
141 |
197 |
|
Bilat. Mamma-Reduktionsplastik |
1 |
1 |
|
Abdominalplastik |
14 |
22 |
|
Pilonidalzyste |
781 |
920 |
* KVen = Kassenärztliche Vereinigungen
Beteiligung 2003: Bayern, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Schleswig-Holstein, Thüringen, Westfalen-Lippe
Beteiligung 2004: Bayern, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Schleswig-Holstein, Thüringen, Westfalen-Lippe
|
|
Bezogen auf alle Operationen |
Bezogen auf definiertes Vergleichskollektiv („Korb“) |
|
Australien |
40,5 % |
74,0 % |
|
Belgien |
30,0 % |
69,0 % |
|
Kanada |
87,0 % |
83,8 % |
|
Dänemark |
55,3 % |
79,3 % |
|
England |
|
62,5 % |
|
Finnland |
35,0 % |
62,4 % |
|
Frankreich |
|
44,9 % |
|
Deutschland |
37,0 % |
60,7 % |
|
Hongkong |
|
42,5 % |
|
Italien |
29,0 % |
41,0 % |
|
Niederlande |
49,6 % |
69,8 % |
|
Norwegen |
48,0 % |
68,0 % |
|
Polen |
ca. 2 % |
|
|
Portugal |
10,7 % |
18,5 % |
|
Schottland |
39,0 % |
62,0 % |
|
Spanien |
28 – 44 % |
54,0 % |
|
Schweden |
50,0 % |
66,7 % |
|
USA |
|
83,5 % |
Quelle:
Toftgard C, Parmentier G: International Terminology in Ambulatory Surgery and
its Worldwide Practice. In: Day Surgery – Development and Practice.
International Association for Ambulatory Surgery 2006
|
|
Bezogen auf
definiertes Vergleichskollektiv („Korb“) |
|
Kanada |
83,8 % |
|
USA |
83,5 % |
|
Dänemark |
79,3 % |
|
Australien |
74,0 % |
|
Niederlande |
69,8 % |
|
Belgien |
69,0 % |
|
Norwegen |
68,0 % |
|
Schweden |
66,7 % |
|
England |
62,5 % |
|
Finnland |
62,4 % |
|
Schottland |
62,0 % |
|
Deutschland |
60,7 % |
|
Spanien |
54,0 % |
|
Frankreich |
44,9 % |
|
Hongkong |
42,5 % |
|
Italien |
41,0 % |
|
Portugal |
18,5 % |
Quelle:
Toftgard C, Parmentier G: International Terminology in Ambulatory Surgery and
its Worldwide Practice. In: Day Surgery – Development and Practice.
International Association for Ambulatory Surgery 2006
[1] Statistisches Bundesamt http://www.destatis.de/basis/d/gesu/gesutab10.php
[2] Dr. Brenner, Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI)
[3] Hochgerechnet vom Anteil der GKV-Versicherten: PKV-Anteil an der Gesamtbevölkerung 9,4 %. Aus: vdak. Ausgewählte Basisdaten des Gesundheitswesens 2004
[4] Hochgerechnet vom Anteil der GKV-Versicherten: PKV-Anteil an der Gesamtbevölkerung 10,3 %. Aus: vdak. Ausgewählte Basisdaten des Gesundheitswesens 2005 http://www.vdak-aev.de/presse/daten/Auf_einen_Blick/index.htm
[5] Laut Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie Deutschlands (GÄCD) 2003, Quelle: http://www.mao-bao.de/Aktuell101.html . Für 2004 gleiche Zahl angenommen