Neue soziale Erpressung

Kolumne über den Streik der niedergelassenen Ärzte

2005 +++ Konrad Adam +++ Quelle:  Die WELT, 16. Januar 2006

Ursächlich ist auch hier der Staat, der sich im Gesundheitswesen unter der Hand zum allmächtigen Arbeitgeber aufgeschwungen hat. Und der nun alles daransetzt, einen der letzten freien Berufe, den des niedergelassenen Arztes nämlich, auf diejenige Stufe herabzudrücken, die er für uns alle vorgesehen hat: auf den Status von abhängig Beschäftigten.

Aus Sicht der Sozialministerin ist das kein Unglück, macht der ohnmächtige Protest doch nur klar, daß nach den Beitragszahlern nun auch die Ärzte ihre angestammte Rolle als Mitspieler im großen Gesundheits-Monopoly weitgehend eingebüßt haben.

Das große Ziel ist greifbar nahe: Wenn erst die Bürger mit allerlei utopischen Versprechen geködert und die Ärzte mit dem fatalen Sicherstellungsauftrag, auf den sie sich vor Jahr und Tag leichtsinnigerweise eingelassen hatten, an die Wand gedrückt worden sind, ist die von Ulla Schmidt erstrebte Einheitskasse samt Einheitsversorgung nicht mehr fern. Dann kann der Staat in voller Souveränität vorschreiben, was als notwendig, ausreichend und wirtschaftlich anzusehen ist, ohne befürchten zu müssen, daß ihm ein zwangsversicherter Patient oder ein sachkundiger Mediziner in die Parade fährt und der Anordnung widerspricht.

Dann können auch die Beiträge grenzenlos erhöht und die Leistungen unbegrenzt verknappt werden, weil niemand mehr die Chance hat, der Einheitsversorgung zu entkommen. Auch gesundheitspolitisch hätte der deutsche Sozialstaat sein Ziel erreicht: alle Menschen gleich zu behandeln - nämlich gleich schlecht.