Die 3/3/3-Praxis
Ein
Unternehmensmodell für Wachstum und Risikoausgleich in der Arztpraxis
2006 +++ Paul G.
Reinstädtler +++ Quelle: FRAUUNARZT 47 (2006) Nr. 11, S. 1071-1074
Voraussetzungen für die
erfolgreiche Arztpraxis - auch in einem unsicheren gesundheitspolitischen
Umfeld - sind Leistungserbringung mit hohen Qualitätsstandards und
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit gepaart mit Investitionskraft.
Insbesondere den
niedergelassenen Fachärzten ist bewusst, dass die Zukunft ihrer Praxis unter anderem
davon abhängt, ob es gelingt, in diesem Umfeld hochwertige Medizin zu guten
Preisen und im Einklang mit den Patientenwünschen anzubieten - in direkter
Konkurrenz zu Krankenhäusern und Medizinischen Versorgungszentren.
Die Standards des
Portfolio-Managements lassen sich eins zu eins auf die Arztpraxis übertragen,
was viele Ärzte immer wieder überrascht. Ebenso überrascht es, mit welch
einfachen Mitteln Ziele konkretisiert und umgesetzt werden können, z.B. die
finanzielle Kompensierung eines 40prozentigen Patientenrückgangs.
Praxismodelle im
Vergleich
Unabhängig von
kurzfristigen Maßnahmen muss jeder Praxisinhaber betriebswirtschaftlich
nachhaltige Maßnahmen ergreifen. Das kann nur dann Erfolg bringen, wenn er
zuvor seine Ziele und sein Selbstverständnis als Arzt definiert hat. Denn: Wer
das Ziel nicht kennt, kann den Weg nicht finden. Ziele und Selbstverständnis
beeinflussen die Umsatzstruktur der Praxis. Und anhand der Umsatzstruktur
lassen sich verschiedene Praxismodelle unterscheiden:
- die Angestelltenpraxis,
- die Künstlerpraxis,
- die Unternehmerpraxis.
Die Unterschiede liegen
einerseits in den Wertvorstellungen und Verhaltensweisen der Inhaber,
andererseits aber vor allem in den Zukunftschancen und -risiken.
Die Angestelltenpraxis:
defensiv
Die typische
Angestelltenpraxis hat ihren Schwerpunkt im GKV-Segment bei moderaten
PKV-Umsätzen und einem unterdurchschnittlichen Selbstzahleranteil. Die
Patientenzahl ist ebenso durchschnittlich wie der Praxisgewinn - Tendenz:
sinkend. Die Praxis investiert wenig in das Angebot und die Präsentation von
modernen und exklusiven Gesundheitsleistungen. Nach außen vermittelt sie eine
unterdurchschnittliche Kompetenz, was die medizinischen Leistungen betrifft.
Das führt zu einem eher unterdurchschnittlich guten Image.
Viele Praxisinhaber
großer Praxen mit vielen Patienten argumentieren häufig: Weil ich so viele
Patienten habe, komme ich gar nicht dazu, mehr Selbstzahlerleistungen
anzubieten. Betriebswirtschaftlich übersetzt heißt das: Ich komme nicht dazu,
für 200 Euro die Stunde zu arbeiten, weil ich so viel für 50 Eure die Stunde zu
tun habe.
Mit Blick auf die
Zukunft ist die Angestelltenpraxis gefährdet. Nach den Erfahrungen der letzten
Jahre sind die GKV-Umsätze mit etwa 5 Prozent pro Jahr zu diskontieren, was
sich zu beträchtlichen Umsatzausfällen aufaddiert. Deshalb müssen die anderen
Segmente - PKV- und Wunschleistungen - ausgebaut werden. Langfristig gesehen
ist es nötig, die Praxis als Anbieter bester Medizin ohne Kompromisse zu
profilieren. Patienten wollen für ihre Gesundheit nur höchste Qualität - auch
wenn eine Eigenleistung erforderlich ist. Praxen, die offensiv moderne
Gesundheitsleistungen anbieten, gewinnen anspruchsvolle Patienten, die bereit
sind, selbst in ihre Gesundheit zu investieren. Defensive Praxen wie die
Angestelltenpraxis verlieren genau diese Klientel.
Die Künstlerpraxis: hoch
spezialisiert
Der Umsatzschwerpunkt
der klassischen Künstlerpraxis liegt im PKV-Segment. Bei niedrigen
Patientenzahlen sind die Umsätze und der Fallwert überdurchschnittlich hoch,
der Gewinn ebenfalls - mit steigender Tendenz.
Inhaber und Praxisteam
zeigen eine starke Kundenorientierung und zeichnen sich durch ihre besondere
Identifikation mit den angebotenen Leistungen aus. Diese Kombination wird
gerade von anspruchsvollen Patienten mit hohen Erwartungen und großer Kaufkraft
geschätzt und bevorzugt. Durch die Spezialisierung auf ausgewählte hochwertige
Leistungen vermittelt die Praxis eine hohe Kompetenz, die - nicht zuletzt durch
exklusives Ambiente - auf das Standard- und Wunschleistungssegment abstrahlt.
Wenn sich Ärzte aus
unterschiedlichen Spezialgebieten zur Künstlerpraxis zusammenschließen, lässt
sich die Außenwirkung der Praxis steigern. Gegenüber der Einzelpraxis ergeben
sich aber auch fachliche und betriebswirtschaftliche Vorteile: Einerseits ist
ein wechselseitiger Kompetenztransfer möglich, andererseits lassen sich etwaige
Umsatzrisiken minimieren, die sich künftig durch gesundheitspolitische
Eingriffe in einzelne Spezialgebiete ergeben könnten.
Die Unternehmerpraxis:
ausgewogen
In der Unternehmerpraxis
werden die Patientenpotenziale im GKV-Segment ausgeschöpft, die Zahl der
Privatpatienten liegt etwa 50 Prozent über dem Durchschnitt und der Fokus auf
ethisch vertretbare Wunschleistungen ist ausgeprägt.
Neben einer schriftlich
fixierten Zielsetzung gibt es Konzepte für Service und Kommunikation. Die
Praxis zeichnet sich auch dadurch aus, dass die Mitarbeiterinnen abgegrenzte
Verantwortungsbereiche haben und mit hoher Eigenmotivation für die
Zufriedenheit sowohl der Kassen- als auch der Privatpatientinnen arbeiten.
Mit einem umfassenden
Leistungsangebot bietet die Unternehmerpraxis moderne Medizin für alle
Patienten. Moderne Vorsorge und Gesundheitsleistungen werden aktiv angeboten.
Professionelles Zeitmanagement und der Einsatz moderner Kommunikationsmittel
ermöglichen eine situative Terminvergabe, was die Patientenzufriedenheit stark
erhöht und den Praxisablauf erheblich vereinfacht. Ambiente und Service
entsprechen dem Niveau der medizinischen Qualität.
Nach außen wirkt die
Praxis fortschrittlich und zukunftsorientiert, zumal Patienten häufig von
Faktoren wie Organisation, Service, Freundlichkeit, Pünktlichkeit auf fachliche
Qualitäten schließen. Sowohl anspruchsvolle Kassenpatienten als auch Privat-
und Wunschleistungspatienten fühlen sich in dieser Praxis wohl. Obwohl die
Schmerzgrenze für Wunschleistungen mit 100 Euro meist erreicht ist, tolerieren
gerade Patienten der Unternehmerpraxis auch höhere Preise. Je höher der Gesamtnutzen
für die Patienten, um so größer die Bereitschaft, auch hochpreisige
Gesundheitsleistungen in Anspruch zu nehmen.
Die Rentabilität der
Unternehmerpraxis ist hoch, weil die Patienten bzw. Umsatzstruktur im Vergleich
zur Angestelltenpraxis zu einem zwei bis dreimal so hohen Stundenlohn führt.
Die gute Rentabilität wiederum schafft die finanziellen Voraussetzungen,
Zukunftschancen betriebswirtschaftlich realisieren zu können. Nur wer
investieren kann, wird wachsen oder zumindest seine Position halten.
Wie alle Unternehmen im
Wettbewerb muss die Praxis ihre Leistungen ständig aktualisieren, um ihren
Vorsprung zu erhalten. Neue Verfahren und Therapien müssen schnell aufgenommen
werden, die Präsentation der Standarddiagnostik und -therapie wird in regelmäßigen
Abständen variiert und an neue Entwicklungen angepasst. Stillstand bedeutet für
diese Praxis Rückschritt. Auch Investitionen in Ambiente und Komfort für die
Patientinnen signalisieren hohe Qualität und individuelle Behandlung.
Die 3/3/3-Praxis - eine
Unternehmerpraxis mit optimaler Portfotio-Struktur
Aus den Grundsätzen des
optimalen Portfolios in der Vermögensplanung - je ein Drittel Immobilien,
Renten und Aktien - ist das zukunftssichere Modell der 3/3/3-Praxis entstanden.
Schwankende Einnahmen im GKV-Bereich und sich abzeichnende Veränderungen im
PKV-Bereich lähmen die Investitionskraft der Praxen und gefährden die optimale
Versorgung der Patienten. Ziel der 3/3/3-Praxis ist es, das Praxisunternehmen
unabhängig von solchen variablen Rahmenbedingungen wirtschaftlich stabil zu
halten. Und so werden in der zukunftssicheren Arztpraxis je ein Drittel der
Einnahmen durch GKV-, PKV- und Selbstzahlerleistungen erzielt.
Das lässt sich natürlich
nur mit den geeigneten Patienten realisieren. Deshalb ist auch die
Patientenbindung ein zentraler Erfolgsfaktor der 3/3/3-Praxis, der
Zukunftssicherheit schafft. Also gilt es, das Vertrauen der Patienten zu
gewinnen und zu bewahren. Das erreicht man vor allem über die fachliche
Leistung in Verbindung mit persönlicher Zuwendung und im offenen,
professionellen Dialog mit den Patienten. Der Wettbewerb um die
gesundheitsbewussten Patienten von heute ist bereits in vollem Gange - bei
(Fach-) Ärzten, Kliniken, MVZ, sonstigen Gesundheitsinstitutionen und auch paramedizinischen Gesundheitsdienstleistern. Vor allem
Letztere verzeichnen bereits höchste Zuwachsraten.
Positionierung der
eigenen Praxis
Die Grundausrichtung der
eigenen Praxis ergibt sich aus den persönlichen Zielen und Wertvorstellungen
der Praxisinhaber. Diese Ziele finden ein wirtschaftliches Korrelat in
Umsätzen, Umsatzstruktur und Praxisrentabilität. Ob hohe Patientenzahlen,
verstärkte Ausrichtung auf Privatpatienten oder Selbstzahlerleistungen forciert
werden, ist oft mehr eine emotionale und eher unbewusste Entscheidung.
Allerdings sollte sie auf betriebswirtschaftliche Rationalität und
Zukunftssicherheit in einem sich ändernden Gesundheitssystem geprüft werden.
Wenn Entscheidungen durch einen rationalen Managementprozess vorbereitet,
getroffen und weiterentwickelt werden sollen, ist ein Zahlenmodell
unerlässlich. Denn: Man kann nur managen, was man messen kann.
Ob es in den nächsten
Jahren zu Kostenerstattung, Fallpauschalen oder Varianten und Kombinationen
davon kommen wird, ändert nichts an den langfristigen Trends der
Unterfinanzierung der gesetzlichen Krankenkassen und der Ausweitung des
Segments der Privat- und Selbstzahlerleistungen. Die Herausforderung für jede
Praxis besteht darin, diese Trends kontrolliert, risikoarm und unter Nutzung
neuer Potenziale in erfolgreiche Praxisführung umzusetzen. Will man
wirtschaftlichen Standards folgen, bedeutet das: In wachsende Segmente
investieren, stagnierende Bereiche halten und schrumpfende Bereiche auslaufen
lassen.
So wie heute manche
Kliniken hochrentabel arbeiten, während andere vor der Schließung stehen, wird
es auch im niedergelassenen Bereich Gewinner und Verlierer geben. Eine solide
wirtschaftliche Basis, aber auch Flexibilität und Schnelligkeit sind
entscheidend. Mit dem Modell der 3/3/3-Praxis lassen sich individuelle und
zielgruppengerechte Lösungen entwickeln, die größtmögliche Zukunftssicherheit
bieten. Der Krankheitsmarkt - und um einen solchen handelt es sich zumindest im
GKV-Bereich trotz aller terminologischen und semantischen Verrenkungen - wird
sich verändern: in Richtung Gesundheitsmarkt. Die Prognosen reichen von
"grundsätzlich" über "kräftig" bis "dramatisch".
Aber was auch immer die Zukunft bringt: Es ist nie verkehrt, seine Praxis auf
ein solides Fundament zu stellen.