Wenn die Arzthelferin zur Concierge wird +++
Der Kunde ist König
2008 +++ Christian
Beneker +++ Quelle: Ärzte Zeitung vom 02.12.2008
Vorbild
Luxushotel: Ein Orthopäde und seine
Kollegen haben ein Experiment gewagt. Zwei Mitarbeiterinnen wurden in ein
Fünf-Sterne-Hotel geschickt, um die Dienstleistung in der Praxis zu optimieren.
Die Conciergen, wie die Rezeptionisten im Fachjargon der Luxushotellerie
genannt werden, waren für Dr. Karl Böhm das große Vorbild. Adrett, diskret,
hilfsbereit - kurzum: Service auf höchstem Niveau. Genau das wollte der
Orthopäde aus Dellbrück seinen Patienten auch bieten. Warum also nicht bei den
Fachleuten spicken gehen, um Dienstleistung in der Praxis neu zu definieren?
Im
Hotel Grand Hyatt am Potsdamer Platz in Berlin war man zunächst skeptisch, gab
dann aber doch dem ungewöhnlichen Wunsch aus der niedersächsischen Provinz
statt und ließ zwei Arzthelferinnen zwei Wochen hospitieren. Das Experiment
zeigte es dann, was Böhm dachte: Es gibt unzählige Parallelen zwischen Hotel
und Praxis. "Vor allem im Bereich Service-Exzellenz", wie Böhm
resümiert.
Böhm und seine vier Kollegen haben ihren Service mit dem
des noblen Fünf-Sterne-Hauses in Berlin verglichen. "Natürlich können
unsere Arzthelferinnen den Service nicht so perfekt, wie die Berliner",
räumt Böhm ein, "aber wir alle haben sehr viel gelernt." Zwar habe
man immer schon großen Wert auf Service und Qualität gelegt, aber die Kultur
der Höflichkeit und Kundenorientierung in der Praxis konnte weiter ausgebaut
werden.
In
einem zweiwöchigen Praktikum in Berlin hat Kathrin Wigge, die
Qualitätsbeauftragte der Praxis, zusammen mit einer Kollegin den Profis viel
abschauen können. "Das war vielleicht 'ne verrückte Idee, in ein
Fünf-Sterne-Hotel zu gehen. Roomservice, Anmeldung, wir sind durch alle
Abteilungen gegangen. Ich war beeindruckt vom Umgang mit den Kunden, den ich da
gesehen habe", sagt sie. Seit Wigge wieder in Delbrück ist und auch die
übrigen Kolleginnen im Kölner Schulungszentrum der Hyatt-Kette die
Luxus-Portion Höflichkeit lernen konnten, geht es anders zu in der Praxis.
Wigge: "Der Kunde ist König."
So
sind es vor allem der höflich-verbindliche Ton, mit den Patienten und viele so
zuvorkommende wie angenehme Kleinigkeiten im Praxisalltag, die den
"Kunden" angenehm überraschen sollen. Ein Wickeltisch zum Beispiel
oder - wie aus guten Hotels bekannt - kleine Mappen mit Haarpflegemitteln.
"Wir bieten den Patienten auch einen Bademantel an, damit sie nicht
frieren", berichtet Wigge, "und wenn ein Patient seine Brille
vergessen hat, dann ziehen wir kurzerhand eine Lesebrille aus der Schublade."
Besonders
wichtig: das Beschwerdemanagement. "Also, nicht jeden Streit am
Anmeldetresen austragen, sondern den Patienten vielleicht bei Seite nehmen und
mit ihm sprechen", sagt Wigge, "ihm zustimmen in seiner Kritik, und
wenn wir wirklich einen Fehler gemacht haben, was ja mal vorkommt, dann gibt's
eine Entschuldigung und ein Stück Wiedergutmachungsschokolade." Da werden
selbst Choleriker ganz friedlich, meint Wigge. Auch diesen simplen Trick haben
die Delbrücker Kolleginnen bei den Hotelfachleuten abgeguckt. "Die haben für
solche Sachen 1.000 Euro zur Verfügung. Das geht bei uns natürlich nicht."
Eine
Entschuldigung bei Fehlern gehört zum guten Ton
Auch beim IGeLn schlägt sich die Service-Offensive nieder. "Verkaufen ist
Service", erklärt Wigge, "wenn wir den Patienten ab einem bestimmten
Alter zum Beispiel Knochendichtemessungen anbieten, dann bieten wir eine
wirklich hilfreiche und nützliche Untersuchung an. Das wollen wir den Patienten
klar machen."
Für
Böhm ist der Service eine Herzensangelegenheit. Er arbeitet in der
Gemeinschaftspraxis zusammen mit drei Orthopäden, einem Neurologen und 19
Praxisangestellten. Seit er 1993 die Praxis gegründet hat, ging es bergauf.
"Heute haben wir im Quartal allein 7000 bis 8000 Kassenpatienten, die aus
einem Umkreis von 150 Kilometern zu uns kommen, aber wir haben auch leider bis
zu sieben Wochen Wartezeit", erklärt Böhm. Der Qualitätsschub durch das
Benchmark mit dem Grand Hyatt hat daran verständlicherweise nichts geändert.
"Aber manchmal sind die Patienten schon baff, wenn sie sehen, was wir
ihnen hier bieten", sagt Böhm, "und uns macht die Arbeit einfach mehr
Spaß, wir freuen uns, wenn die Patienten hier zufrieden rausgehen." Und
das gelte auch und besonders für Kassenpatienten, unterstreicht der
Arzt. "Für uns sind Kassenpatienten keine Patienten zweiter Klasse,
sondern auch für sie gilt der Service erster Klasse."
Die
Patientenzufriedenheit ist für Böhm ein Gradmesser des Erfolgs. Überall in der
Praxis liegen Fragebögen aus und die Patienten werden um Beantwortung gebeten:
"Wie zufrieden waren Sie mit der Freundlichkeit, der Atmosphäre, der
Therapie? Würden Sie sich wieder hier beraten lassen? Würden Sie uns weiter
empfehlen? Haben Sie Wünsche?"
"Wer
die Patientenbefragung ausfüllt, erhält von uns auch eine Antwort",
berichtet Wigge, "die Patienten sollen sehen, dass wir uns gerne um ihre
Belange kümmern." Manchmal aber stößt auch der beste Service an Grenzen.
"Wenn Jugendliche per Fragebogen mehr Chips und Cola im Wartezimmer
fordern", sagt Wigge, "dann müssen wir diesen Wunsch leider höflich
zurück weisen."