Größe per se bürgt nicht für mehr Schlagkraft

Das Problem: je mehr Ärzte, desto weniger Gewinn

 

2008 +++ Günther Frielingsdorf  +++ Quelle: Ärzte Zeitung, 12.09.2008

Kooperationen zwischen Ärzten müssen gut organisiert sein. Sonst kann das Bestreben, im Team erfolgreicher zu sein denn als Einzelkämpfer, nach hinten losgehen.

Wenn niedergelassene Ärzte eine Kooperation gründen, steht als ein wichtiges Motiv immer auch der Gedanke dahinter, in der Gemeinschaft das Unternehmen Arztpraxis rentabler führen zu können denn als Einzelkämpfer. Doch diese Rechnung geht nicht immer automatisch auf. Ohne eine klare Praxisstrategie und -organisation, die von allen Beteiligten mitgetragen und konsequent umgesetzt wird, kann es zu zahlreichen Reibungsverlusten kommen. Und das kostet nicht nur Nerven sondern auch Geld.

Das Problem: je mehr Ärzte, desto weniger Gewinn
Als Dr. E. Ende vergangenen Jahres alte Praxis-Unterlagen, bei denen die Aufbewahrungsfrist abgelaufen war, aussortieren und vernichten wollte, machte der Internist eine für ihn unerwartete Entdeckung: Beim Blättern in den alten betriebswirtschaftlichen Auswertungen seines damaligen Steuerberaters stellte er fest, dass die Kostenquote in seiner früheren Einzelpraxis wesentlich niedriger war, als die Kennzahl in der Gemeinschaftspraxis, die er heute mit zwei weiteren Kollegen führt.

Das hatte er so nicht erwartet. Er wusste natürlich, dass die Kosten der Gemeinschaftspraxis in den letzten Jahren deutlich gestiegen waren - vor allem seit vor vier Jahren ein dritter Partner hinzu gekommen war. Aber schließlich konnte mit dem dritten Partner das Leistungsangebot noch einmal erheblich erweitert werden. Mit der Umsatzentwicklung sind seitdem alle drei Partner sehr zufrieden. Immerhin liegen die Praxiseinnahmen bei rund 1,5 Millionen Euro. Doch mit steigenden Umsätzen hatte offenbar die Rentabilität abgenommen und zwar so sehr, dass der Gewinn prozentual nun niedriger war als in der früheren Einzelpraxis.

Dieses Beispiel ist kein Einzelfall. Der weit verbreiteten Auffassung, dass Kooperationen wirtschaftlicher arbeiten als Einzelpraxen, ist deshalb nur bedingt zuzustimmen. Das zeigt auch eine Studie der Fachhochschule Koblenz. Untersucht wurde hier die Kosten- und Ertragssituation von internistischen Einzelpraxen (durchschnittlicher Umsatz: 384 049 Euro), kleineren Gemeinschaftspraxen (durchschnittlicher Umsatz: 573 071 Euro) und großen Gemeinschaftspraxen (durchschnittlicher Umsatz: 1 618 608 Euro).

Dabei zeigte sich, dass die weit verbreitete Auffassung, dass Gemeinschaftspraxen Kostenvorteile gegenüber Einzelpraxen erzielen, vor allem bei kleineren Gemeinschaftspraxen stimmt. Sie arbeiten im Durchschnitt tatsächlich rentabler als Einzelpraxen. Dass große Kooperationen automatisch auch große Kostenvorteile haben, ist jedoch ein Trugschluss. Die in der Studie untersuchten großen Gemeinschaftspraxen erwirtschafteten im Gegenteil sogar einen um sechs Prozent niedrigeren Gewinnanteil als die Einzelpraxen.

Dieses Ergebnis spricht nicht gegen größere Kooperationen an sich. Es zeigt aber, dass mit der Größe der Kooperation auch die Anforderungen an das Praxismanagement steigen. Ohne eine effektive Praxisführung und -organisation werden die höheren Umsatz-Erlöse durch überproportional steigende Kosten wieder zunichte gemacht. In der Studie der Fachhochschule Koblenz ist das deutlich daran abzulesen, dass in den untersuchten großen Gemeinschaftspraxen vor allem die Personal- und Materialkostenquote überproportional hoch waren.

Ein ähnliches Bild zeigte sich auch in der Gemeinschaftspraxis von E. und seinen Kollegen. Die drei Ärzte ließen einen Check-up erstellen, um die Praxisorganisation zu optimieren und die Rentabilität zu steigern.
Die Maßnahmen, die nach der ausführlichen Praxisanalyse eingeleitet wurden, zeigen inzwischen erste Erfolge. Die drei Ärzte sehen ihre Praxis auf einem guten Weg.

Die wichtigsten Konsequenzen, die sie aus der Praxisanalyse gezogen haben, sind:

* Klare Zielsetzungen
und enge Abstimmung unter den Partnern: Dass die Zielsetzungen nicht klar definiert waren oder die einzelnen Partner sogar unterschiedliche Ziele verfolgten, gehörte zu den Hauptverursachern von Problemen und Reibungsverlusten in dieser Kooperation.

* Personalführung nicht vernachlässigen: Wertvolle Ressourcen werden verschwendet, wenn Arbeitsabläufe nicht effektiv organisiert sind und die Mitarbeiterinnen nicht entsprechend ihrer Fähigkeiten und Neigungen eingesetzt, gefordert und gefördert werden.

* Kostenrechnung: Nur wer seine Kosten genau kennt, kann sehen, wo es noch sinnvolle Einsparmöglichkeiten gibt. Und er sieht, welche Leistungen welche Kosten verursachen.

* Regelmäßige Umsatzanalysen: Im Gegensatz zu früher werden nun auch die Umsätze regelmäßig analysiert.

Wer nicht genau weiß, wie sich sein Umsatz zusammensetzt, verschwendet mitunter zu viel Ressourcen für Leistungen, die nur einen geringen Ertrag bringen und verliert dabei andere, rentablere Leistungen aus dem Auge. Die Ärzte haben das Leistungsspektrum der Praxis etwas verändert. Einige "unrentable" Leistungen bieten sie zwar weiterhin selbst an - weil sie hier davon ausgehen, dass sie sonst zu viele Patienten verlieren würden, die auch andere Praxisleistungen in Anspruch nehmen. Andere Leistungen haben sie jedoch aus ihrem Angebot gestrichen und verweisen die Patienten hier an andere Praxen. Ein positiver Nebeneffekt: Im Gegenzug überweisen diese Praxen seitdem viel öfter Patienten an die Gemeinschaftspraxis - und zwar für Leistungen, die hier rentabel erbracht werden können.